Manfred von Ardenne (1907-1997)

Manfred von Ardennes Lebenswerk spiegelt die Persönlichkeit eines hochbegabten, visionären und hartnäckigen Forschers und Erfinders wider. Geboren im deutschen Kaiserreich, aufgewachsen in der Weimarer Republik und Wissenschaftler in drei Diktaturen, erlebte er ein Jahrhundert voller wirtschaftlicher und politischer Umwälzungen und konnte sich als erfolgreicher Unternehmer immer wieder durchsetzen.

Am Ende seines Lebens hält er etwa 600 Patente in der Funk- und Fernsehtechnik, Elektronenmikroskopie, Nuklear-, Plasma- und Medizintechnik und ist Autor unzähliger Publikationen und Bücher. Das alles ohne Abitur und Hochschulabschluss! Dabei verdankt er seinen Werdegang vom Schulabbrecher zum anerkannten Wissenschaftler seinem Scharfsinn und Fleiß.

Der Geist Manfred von Ardennes lebt bis heute fort. Auf dieser Seite erfahren Sie mehr über Leben und Werk dieses großen Erfinders.


1907

Geburt und Herkunft

Links: Manfred von Ardenne (1908) | Rechts: Adela von Ardenne mit den Kindern Manfred und Magdalena, Hamburg 1912.

1907

Manfred von Ardenne kam am 20. Januar 1907 in Hamburg als erstes Kind einer preußischen Offiziersfamilie zur Welt. Sein Vater, Egmont Baron von Ardenne, wurde 1913 nach Berlin ins Kriegsministerium versetzt und die Familie zog in eine Mietwohnung in die Berliner Hasenheide um.

Seine Mutter, Adela, geborene Mutzenbecher, widmete ihre ganze Aufmerksamkeit der Familie und den Kindern. Manfred von Ardenne hatte vier Geschwister: Magdalena (1909-1985), Ekkehard (1914-1940), Gothilo (1917-1939) und Renata (1924-1999).

Die jüngeren Brüder schlugen ebenfalls die militärische Laufbahn ein und fielen im Zweiten Weltkrieg. Beide dienten im legendären Potsdamer Infanterie-Regiment 9, aus dem später einige der Verschwörer des 20. Juli stammen.

Bei einer Begegnung von Manfred von Ardenne und Richard von Weizsäcker betonte von Weizsäcker seinen Respekt vor seinem ehemaligen Vorgesetzten, Ekkehard von Ardenne, der seine kritische Haltung “zum braunen Gewaltregime” auch bei Ansprachen vor der Truppe sichtbar machte und mit seinem Bruder Heinrich von Weizsäcker befreundet war.

Das Lebensschicksal der Großmutter, Elisabeth Baronin von Ardenne, geborene von Plotho, diente Theodor Fontane als Grundlage für seinen Roman Effi Briest.


1907 - 1928

KINDHEIT UND JUGEND

Manfred von Ardenne war ein handwerklich und technisch begabtes Kind. Anstatt die Schulbank zu drücken, führte er lieber eigene Experimente durch, bastelte und tüftelte, baute Schaltungen und nahm Messungen vor. Sein mangelndes Interesse für den Unterricht wirkte sich auf die Leistungen aus und er verließ mit 15 Jahren nach einem nicht bestandenen Examen das Gymnasium Berlin Tempelhof. Auf seinem Abgangszeugnis vermerkte der Lehrer handschriftlich: “Sein Wissen und Können geht in einigen Gebieten der Physik und Chemie über das Klassen- sowie Schulziel hinaus.” Von Ardenne wechselte auf das Friedrich-Realgymnasium, das er 1923 mit der Primarreife abschloss.

 

Die Eltern erkannten und förderten das Potenzial ihres Sohnes und räumen für ihn in der Hasenheide das beste Zimmer der Wohnung. Hier entstand von Ardennes erstes Privatlabor für Radiotechnik.

1923

DAS ERSTE PATENT

Im Jahre 1923, er war gerade einmal 16 Jahre alt, meldete der junge Forscher sein erstes Patent über ein “Verfahren zur Tonselektion, insbesondere für die Zwecke der drahtlosen Telegraphie” an.

Durch den Verkauf erster Bücher und technischer Entwicklungen und Erfindungen bestritt Manfred von Ardenne ab 1924 den eigenen Lebensunterhalt und zahlte an die Eltern für sein dreißig Quadratmeter großes Laboratorium freiwillig Miete.

1926

STUDIUM UND FORSCHUNG

Die beiden Rundfunkpioniere Georg Graf von Arco und Geheimrat Walther Nernst drängten Manfred von Ardenne zu einem Studium. 1925 konnte er sich dank ihrer Hilfe ohne Abitur an der Universität in Berlin einschreiben. Hier besuchte er Vorlesungen über Physik, Chemie und Mathematik. Nach vier Semestern Grundlagenstudium packte ihn die Ungeduld und er widmete sich wieder seinen privaten Forschungen.

1926 wurde der 19-Jährige durch seine Idee von der Mehrsystem-Elektronenröhre bekannt. Sie bildete die technische Grundlage des danach von Loewe-Opta als Massenprodukt hergestellten Rundfunkempfängers. Letztlich handelte es sich dabei um einen der ersten integrierten Schaltkreise der Elektronikgeschichte.


1928 - 1945

Berliner Jahre

Im Alter von 21 Jahren gründete der vielseitige Kopf das VON ARDENNE-Laboratorium für Elektronenphysik am Jungfernstieg 19 in Berlin-Lichterfelde, das er bis 1945 leitete. Bis zur Zwangsschließung ist dieses Laboratorium Entstehungsort für Pionierbeiträge auf den Gebieten der Fernsehtechnik, Bildwandlung, Elektronenmikroskopie, Rastermikroskopie, Isotopentrennung sowie der Elektronen- und Ionenstrahltechnik.

1938

HEIRAT MIT BETTINA BERGENGRUEN

Manfred von Ardenne heiratete im Jahr 1938 Bettina Bergengruen, eine 1916 geborene Enkelin des Schriftstellers Wilhelm Meyer-Förster und zugleich Nichte des Autors Werner Bergengruen. Es war seine zweite Ehe, aus der die vier Kinder Beatrice, Thomas, Alexander und Hubertus hervorgingen.

1930

ERSTE ELEKTRONISCHE FERNSEHÜBERTRAGUNG

Im seinem Laboratorium gelang von Ardenne die weltweit erste vollelektronische Fernsehübertragung, weil er plötzlich erkannte, dass alle dafür notwendigen Komponenten in seinem Lichterfelder Laboratorium zur Verfügung stehen. Mit beteiligt war sein enger Mitarbeiter Emil Lorenz. Manfred von Ardenne über die Ereignisse von jenem Tag: 

“In fieberhafter Eile entnahmen wir dem Fertigungslager zwei Elektronenstrahlröhren, stellten zwei Einrichtungen zur Erzeugung der Ablenkungsspannungen aus Bestandteilen des Niederfrequenzlabors zusammen, brachten einen der Breitbandverstärker in Betriebsbereitschaft und entlehnten dem optischen Labor eine Linse hoher Lichtstärke und eine Photozelle geringer Trägheit.

Noch am gleichen Abend, am 14. Dezember 1930, hatten Emil Lorenz und ich ein entscheidendes Erlebnis. Ich hielt eine Schere vor dem Schirm meines Leuchtfleckabtasters und sah tatsächlich, wie ihre Konturen am anderen Ende des Zimmers auf dem Leuchtschirm der Empfängerröhre erschienen. Wir wiederholten den Versuch mit einem Diapositiv und erzielten einen noch eindrucksvolleren Erfolg.”

Im Jahr darauf präsentierte Manfred von Ardenne seine bahnbrechende Erfindung auf der Funkausstellung in Berlin und schaffte es damit auf das Titelblatt der New York Times.

1937

EXISTENZSICHERUNG UND RASTERELEKTRONENMIKROSKOP

Die von Ardennes hegten keine Sympathie für den Nationalsozialismus. Als Hermann Göring den Vater aufforderte, eine leitende Position in der NSDAP einzunehmen, lehnte dieser entschieden ab. Bereits im ersten Weltkrieg lernte Egmont Baron von Ardenne den späteren Reichspostminister und Physiker Wilhelm Ohnesorge kennen. Manfred von Ardenne nutzt später diesen Kontakt als Geldquelle für seine Forschungsarbeiten und zur Existenzsicherung seines Instituts, aber ohne jeglichen politischen Hintergrund. Auch er wies Aufforderungen seitens seines Gönners zum Eintritt in die Partei ab.

1937 entwickelte von Ardenne das erste Rasterelektronenmikroskop hoher Auflösung, das bis heute aus der biologischen Forschung nicht mehr wegzudenken ist. Zwei Jahre später folgte das Universal-Elektronenmikroskop mit der weltweit höchsten Auflösung.


1945 - 1955

FORSCHUNGSINSTITUT BEI SUCHUMI

Die Sowjets erreichten im Mai 1945 vor den Amerikanern Berlin und stellten das bekannte von Ardenne-Laboratorium unter den “Schutz” der russischen Militärkommandantur.

Wenige Tage später erhielt Manfred von Ardenne das Angebot, den Aufbau und die Leitung eines für die Sowjetunion arbeitenden, technisch-physikalischen Forschungsinstituts mit den Schwerpunkten Elektronenphysik, kernphysikalische Messtechnik, magnetische Isotopentrennung und Massenspektrometrie zu übernehmen. Von Ardenne willigte ein und noch im selben Jahr wurde das Berliner Laboratorium nach Sinop (Sowjetunion) in die Nähe von Suchumi verlegt. Zu jenem Zeitpunkt ahnte er noch nicht, dass zehn Jahre vergehen würden, bevor er und seine Familie wieder deutschen Boden betreten.

Links: Manfred von Ardenne auf dem Weg in das innere Swanetien | Rechts: Die Familie auf einer Autotour im Jahre 1946

INTERNIERUNG UND ENTWICKLUNG DES ISOTOPENTRENNVERFAHRENS

Nach dem Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki gerieten von Ardenne und weitere führende deutsche Wissenschaftler, darunter Nobelpreisträger Gustav Hertz, der Physiker Max Steenbeck und der Nuklearchemiker Nikolaus Riehl, in das Netzwerk der sowjetischen nuklearen Rüstung. Nahmen die sowjetischen Fachleute Manfred von Ardenne zunächst als Spezialisten für Elektronenoptik und Konstruktion von Elektronenmikroskopen wahr, bestimmten die politischen Ereignisse fortan die Forschungsarbeiten und er wurde zur Mitarbeit am sowjetischen Atomprogramm verpflichtet. Die sowjetische Seite verfolgte dabei das Ziel, möglichst rasch mit der Supermacht USA aufzuschließen und konkurrieren zu können. Während einer Besprechung versuchte der sowjetische Geheimdienstchef Beria, die Leitung für das Projekt an von Ardenne zu übergeben. Er selbst über besagte Sitzung:

“Ich hatte etwa zehn Sekunden Zeit zum Nachdenken. Meine Antwort hatte etwa folgenden Wortlaut: Den soeben geäußerten Vorschlag betrachte ich als eine große Ehre für mich, denn er ist zugleich Ausdruck eines ungewöhnlich großen Vertrauens in die Leistungsfähigkeit meiner Person. Die Lösung des Problems, um das es hier geht, hat aber zwei verschiedene Bereiche: 1. die Entwicklung der Atombombe selbst und 2. die Entwicklung des Isotopentrennverfahrens im industriellen Maßstab zur Gewinnung der Kernsprengstoffe wie Uran-235. Die Isotopentrennung ist der eigentliche und sehr schwierige Engpass der Entwicklung. Ich schlage deshalb vor, dass allein die Isotopentrennung zur Hauptaufgabe für unser Institut und die deutschen Spezialisten bestimmt wird und dass die hier vor mir sitzenden führenden Kernphysiker der Sowjetunion die Entwicklung der Atombombe als große Tat für ihre eigene Heimat vollbringen.”

Beria nahm diesen Vorschlag an. Jahre später, bei einem Staatsempfang, als Manfred von Ardenne dem sowjetischen Ministerpräsidenten Chruschtschow vorgestellt wurde, reagierte dieser spontan: “Ach, Sie sind der Ardenne, der damals seinen Hals so geschickt aus der Schlinge gezogen hat!”

Letztlich wurde die industrielle Isotopentrennung zur Hauptaufgabe des Forschungsinstituts von Manfred von Ardenne und seiner Mitarbeiter. Das von ihm entwickelte Verfahren zur Herstellung von bombenfähigem Uran-235 erwies sich aber als zu kompliziert und die von Steenbeck entwickelte Gaszentrifuge trug schließlich zum Bau der ersten sowjetischen Atombombe bei. Von Ardenne sah später seinen Beitrag zur Beschleunigung des atomaren Patts als “wichtigste Tat, zu der mich der Zufall der Nachkriegsereignisse geführt hatte.”


1955 - 1990

NEUE HEIMAT DRESDEN

Schon während seiner zehnjährigen Internierung in der Sowjetunion entschied sich Manfred von Ardenne für ein Leben im sozialistischen Teil Deutschlands. 1997 erklärte er rückblickend in seiner Biographie, dass er mit dieser Wahl verhinderte, das noch aus dem Lichterfelder Laboratorium stammende Inventar aufgeben zu müssen. Dieses hatte im Hinblick auf seine zukünftigen Forschungsarbeiten höchste Priorität.

Aber auch die Erinnerungen an die Schreckensherrschaft des NS-Regimes und eine dadurch resultierende Hoffnung auf eine Mitgestaltung des noch jungen Sozialismus spielten bei der Entscheidung eine wesentliche Rolle.

25. Jubiläum des Forschungsinstituts auf dem Weißen Hirsch

INSTITUT MANFRED VON ARDENNE

Der Neuanfang in der DDR wurde von Ardenne durch eine Reihe von Zugeständnissen und Privilegien seitens führender Politiker erleichtert, die sich von der Entscheidung des Wissenschaftlers einen internationalen Imagegewinn versprachen. Der Forscher wählte Dresden als neuen Heimatort für sich und seine Familie sowie als neuen Institutsstandort. Schon 1951 begannen aus der Internierung heraus die Planungen und er beauftragte seinen in West-Berlin lebenden Schwager Otto Hartmann mit der Suche nach geeigneten Immobilien. Dieser wiederum engagierte den Zwickauer Ingenieur Johannes Richter, der zwei attraktive Grundstücke im Dresdner Stadtteil “Weißer Hirsch” fand. Die Antwort aus der Sowjetunion fiel positiv und eindeutig aus: obwohl von Ardenne die Häuser nur auf Fotografien zu sehen bekam, drängte er auf einen baldigen Kaufvertrag. Kurze Zeit später richtete er auf dem “Weißen Hirsch” sein Forschungsinstitut ein, in dem auch die Familie ein Zuhause fand.

SCHWERPUNKTE DER INSTITUTSARBEIT

Manfred von Ardenne leitete seine gleichnamige Forschungseinrichtung von 1955 bis 1990, in der zeitweise etwa 500 Mitarbeiter beschäftigt waren. Diese erlangte als Ursprungsort bedeutender Innovationen internationalen Ruf.

Den Schwerpunkt der Entwicklungsarbeiten bildeten anfangs die Gebiete der Elektronen-, Ionen-, Kernphysik und Übermikroskopie. Später kamen die Bereiche der medizinischen Elektronik und der biomedizinischen Grundlagenforschung hinzu. Das Institut betrieb dabei stets Forschung mit hoher Industrienähe. So wurden industrielle Anlagen zum Schmelzen, Schneiden und Beschichten von unterschiedlichen Werkstoffen entwickelt, alle auf der Grundlage der von Manfred von Ardenne und seinen Mitarbeitern entwickelten Elektronen- und Ionenquellen.

1960er

MEDIZINISCHE FORSCHUNG

In den 60er Jahren traf sich von Ardenne mehrfach mit dem Nobelpreisträger Otto Warburg. Angeregt durch dessen Forschungsarbeiten auf dem Gebiet des aeroben Gärungsstoffwechsels der Krebszellen wendete er sich einem völlig neuen Interessengebiet zu: der Medizin und hier speziell der Krebstherapie. In mehrjähriger Forschung entwickelte der universale Wissenschaftler mit seinen Mitarbeitern die systemische Krebs-Mehrschritt-Therapie (sKMT). Die Therapie geht in bestimmten Schritten und gegebenenfalls im Zusammenwirken mit einer gegen Krebszellen und Metastasen vor. Grundlage ist eine extreme Ganzkörperhyperthermie (Überwärmung), die mit einer gezielten Übersäuerung des Tumors und einer Sauerstoffzufuhr kombiniert wird. Manfred von Ardenne beschäftigte sich bis zum Ende seines Lebens mit der Krebsforschung.

1970er

SAUERSTOFF-MEHRSCHRITT-THERAPIE

Die ständigen Auseinandersetzungen mit der autoritären Staatspartei und das daraus resultierende unsichere Schicksal des Instituts forderten in den 1970er Jahren ihren Tribut: Manfred von Ardenne wurde plötzlich schwer bettlägerig bei uneingeschränkter Geistesfähigkeit. Die behandelnden Ärzte konnten keine organischen Ursachen feststellen und schätzten seine Lebenserwartung auf zwei Jahre.

Von Ardenne nahm an, dass es sich bei seiner Erkrankung um einen “generalisierten Energiemangel” handelt und kam auf die Idee, mehrmals täglich aus einer Sauerstoff-Druckgasflasche zu inhalieren. Durch seine Untersuchungen zum zellulären Energiestatus im Rahmen der systemischen Krebs-Mehrschritt-Therapie wusste er um die Bedeutung des Sauerstoffs als Agens gegen Schwächezustände und sollte Recht behalten: innerhalb weniger Tage erlangte er seine alte Lebensqualität zurück. Aus dieser Erfahrung heraus entwickelte er das heute weltweit bekannte und verbreitete Naturheilverfahren, die Sauerstoff-Mehrschritt-Therapie (SMT).

Bis zur deutschen Wiedervereinigung konnte Manfred von Ardenne sein Forschungsinstitut, das in seiner privaten Form innerhalb der sozialistischen Staaten einzigartig war, geschickt vor der Verstaatlichung bewahren und als Unternehmer im Sozialismus überleben.


DER PRIVATE MANFRED VON ARDENNE

Es ist viel über Manfred von Ardenne geschrieben worden. Der Öffentlichkeit ist er unter Namen wie “Pionier der Funk- und Fernsehtechnik”, der “Rote Baron” oder “Der Weise vom Weißen Hirsch” bekannt. Das Wichtigste im Leben dieses großen Mannes war seine Arbeit, sonst hätte er wohl kaum so außerordentliche wissenschaftliche und technische Leistungen vollbringen können. Doch soll an dieser Stelle einmal ein Blick hinter die Fassade des Forschers geworfen werden. Was lag dem Genie über die Wissenschaft hinaus noch am Herzen und wie war er als Vorgesetzter?

Dr. Peter Lenk, Geschäftsführer bei VON ARDENNE von 1991 bis 2006, sagte über Manfred von Ardenne als Chef:

“Zuverlässigkeit, Fleiß, Pünktlichkeit, das waren Eigenschaften, die ein Mitarbeiter haben musste. Wir haben sehr schnell gelernt, dass es großen Spaß macht, in seinem Hause zu arbeiten, weil wir sehr viele Freiräume hatten. Und irgendwann erwischte man sich dabei, nicht mehr auf die Uhr zu schauen, sondern ist dann nach Hause gegangen, wenn die Arbeit erledigt war”.

Manfred von Ardenne mit seinen Söhnen Alexander und Thomas, seiner Tochter Beatrice und seiner Frau Bettina

Von Ardenne war auch Familienmensch und vierfacher Vater. Aus seiner zweiten Ehe mit Bettina Bergengruen gingen die vier Kinder Beatrice, Thomas, Alexander und Hubertus hervor. Das Verhältnis zwischen den Ehepartnern war innig und hielt bis an ihr Lebensende.

Bei einem Fernsehinterview im Alter von 85 Jahren äußerte Manfred von Ardenne über die Liebe folgendes:

 “Die Liebe, die gelungenste Erfindung des lieben Gottes für den Menschen, oder, wie man auch sagen kann, die große Erfindung aus der unendlichen Weisheit der Natur, hat mir in allen Phasen meines Lebens immer wieder die Kraft gegeben, mehr zu leisten, als die Umwelt erwartete.”

Es war der familiäre Rückhalt, den er für seine Arbeit benötigte und der es ihm ermöglichte, große Taten zu vollbringen. Die Kinder schätzten vor allem das diskussionsfreudige und liberale Klima in ihrem Elternhaus: “Eigenständige Kritik wurde nicht nur toleriert, sie war erwünscht”, so einer der Söhne. Früh lernten sie Verantwortung zu übernehmen und bis heute führen sie das Lebenswerk ihres Vaters weiter.

In seiner Freizeit hörte der Erfinder gern klassische Musik, vor allem Mozart: “Ich habe die allerhöchste Bewunderung vor dem Genie Mozart. Es ist kaum vorstellbar, wie ein Mensch, der nur etwas über 30 Jahre alt wird, eine solche Fülle von Beiträgen zu einem bestimmten Gebiet gibt und zur Gestaltung dieses Gebietes über Jahrhunderte hinweg beiträgt”. Mit Bedauern stellte er fest, dass es nur bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts wirklich große Komponisten gab und dass vieles in der klassischen Musik ausgeschöpft sei.

Fest steht, dass Manfred von Ardenne nicht nur ein charismatischer Wissenschaftler und Denker war. Ein Blick auf sein Leben offenbart viele Facetten seiner Persönlichkeit, denen man in diesem Kontext nur sehr schwer gerecht werden kann.


DER VISIONÄR

Dass Manfred von Ardenne ein Wissenschaftler und Denker mit großem Vorstellungsvermögen ist, bewies er 1962 in seinem Aufsatz “Visionen zur Technik des Jahres 2000”, der in der Verbandszeitschrift “Technische Gemeinschaft” erschien. Seiner Meinung nach benötigt man für derartige Vorhersagen nur “mit einiger Phantasie jene Forschungsergebnisse einzuschätzen, die sich gegenwärtig im ersten Stadium der Entwicklung befinden” und der Wissenschaftler sollte “gleichzeitig das Merkmal großer Zukunftsbedeutung” in sich tragen. Tatsächlich haben sich von seinen Prophezeiungen die meisten bis heute bewahrheitet und gehören längst zu unserem Alltag. Es folgt ein Auszug:

DIE VISION VON TAPETEN AUS LICHT

Für die Nachrichtentechnik traf er eine Vorhersage, die sich in erstaunlicher Weise exakt so erfüllt hat: “Am Ende der Entwicklung wird z. B. jeder Fernsprechteilnehmer im Selbstwählbetrieb jeden anderen Fernsprechteilnehmer auf dieser Erde ohne Zeitverlust wählen können.” Und in der Halbleiter- und Displaytechnik kündigte er schon im Jahre 1962 die sogenannten OLEDs (organic light emitting diodes) an: “In der Lichttechnik wird die diffuse Raumbeleuchtung durch Elektrolumineszenz-Leuchtkondensatoren bald viele Freunde finden. Sie wird die Glühlampe oder die Leuchtstoffröhre durch Leuchtstoffplatten ersetzen, mit denen man also das Zimmer ganz oder teilweise austapezieren kann.” Jetzige Entwicklungsprojekte bei VON ARDENNE beschäftigen sich mit genau dieser Technologie.

Unglaublich bemerkenswert an von Ardennes damaligen Überlegungen ist der Bogen, den er durch die verschiedensten Wissenschaftsdisziplinen schlägt und mit welcher Genauigkeit er seine Prognosen trifft. 

DIE VISION VOM MIKROCHIP UND DEM INTERNET

Auf dem Gebiet der Miniaturisierung elektronischer Bauelemente, der Halbleiter und der Molekularelektronik prophezeite er den Mikrochip und die damit verbundene stürmische Entwicklung, dass es selbst “Spezialisten schwer fällt, auf dem Laufenden zu bleiben.”

Viel verblüffender aber ist seine Vision von unserem heutigen Internet als Dokumentationszentrale mit elektronischen Speicherautomaten: “Elektronische Rechen- und Speicherzentralen (auch in Miniaturausführung) werden nach einigen Jahrzehnten die Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns in einem heute kaum für möglich gehaltenen Maße steigern. Die immer stärker und schneller zunehmende Spezialisierung der Wissenschaften erfordert täglich mehr die Anwendung übersichtlicherer Methoden zur Aufspeicherung des wissenschaftlichen Materials, das heute die Gehirne noch unnötig belastet”, schlussfolgerte er in seinem Aufsatz.

DIE VISION VON DER GENETIK ALS SEGEN UND FLUCH

Nach der Entschlüsselung der menschlichen DNA sieht Manfred von Ardenne die Genetik als Segen und Fluch der Menschheit voraus: “Nachdem vor kurzem bereits die Synthese von Nukleinsäuren gelungen ist, dürfen wir hoffen, dass in den betrachteten Zeiträumen auch die Synthese wichtiger Proteine gelingen wird. Bei dem gegenwärtigen Stand dieser Arbeiten ist schon in der nächsten Zeit mit der Lösung des Rätsels der Vererbung der Eiweißstruktur zu rechnen. Damit wird dem Menschen die große, aber auch die erschreckende Möglichkeit gegeben, der beliebigen Erzeugung lebender Gebilde.”


ERBE UND VERMÄCHTNIS

Links: Eine der letzten Aufnahmen zeigt Manfred von Ardenne im Alter von 90 Jahren | Rechts: Manfred von Ardenne mit Unterlagen zur Krebs-Mehrschritt-Therapie

Manfred von Ardenne starb am 26. Mai 1997 im Alter von 90 Jahren. Die Trauerfeier fand am 3. Juni in der Kapelle des Waldfriedhofs Bad-Weißer-Hirsch statt. Der Theologe Klaus Peter Hertzsch hielt die Trauerrede vor rund 500 Menschen, die gekommen waren, um Abschied zu nehmen. Seiner Familie hinterließ er die Ergebnisse eines erfindungsreichen Lebens verbunden mit einem bekannten Namen.

In Dresden erinnert ein Manfred-von-Ardenne-Ring und in Hamburg ein Manfred-von-Ardenne-Platz an den Technikpionier. Ein Gymnasium in Berlin trägt seinen Namen und im Berliner Innovationspark Wuhlheide gibt es ein Manfred-von-Ardenne-Gewerbezentrum. Das “URANIA-Vortragszentrum” Dresden erinnert jährlich mit einer Veranstaltung an den Todestag des Ehrenbürgers und seit 2002 vergibt die “Europäische Forschungsgesellschaft Dünne Schichten e.V.” den “Manfred-von-Ardenne-Preis für angewandte Physik”. 

DIE VON ARDENNE UNTERNEHMEN

Den unternehmerischen Geist des Universalgelehrten repräsentiert die VON ARDENNE GmbH, deren Gesellschafter die Nachkommen Manfred von Ardennes sind. Das international erfolgreiche Unternehmen wird heute von Pia von Ardenne-Lichtenberg und Christian Knechtel geführt.

Das medizinische Lebenswerk setzt das VON ARDENNE Institut für Angewandte Medizinische Forschung unter der Leitung von Dr. Alexander von Ardenne fort.

Die ardenne tec GmbH ist seit 1991 am Markt und zuständig für die Installation von Sicherheitstechnik.


NATURWISSENSCHAFTLICHE ENTDECKUNGEN UND ERFINDUNGEN

Hier erhalten Sie einen Überblick über die wichtigsten Erfindungen und Entdeckungen von Manfred von Ardenne und seinen Mitarbeitern:

1923

Erste Patentanmeldung im Alter von 16 Jahren über ein "Verfahren zur Tonselektion“  

1925

Breitbandverstärker unter erstmaliger Verwendung von HF-Zweifach-Röhrensystemen mit einer Bandbreite von 106 Hz als Grundlage späterer Entwicklungen zum vollelektronischen Fernsehen

 1926

Entwicklung des Widerstandsortsempfängers mit Dreifachröhre im Auftrag von Loewe-Radio, damit war erstmals ein preisgünstiger Rundfunkempfang für breite Bevölkerungsschichten möglich  

1928

Gründung des VON ARDENNE-Laboratoriums für Elektronenphysik in Berlin-Lichterfelde; 

Trägheitsfreie Helligkeitssteuerung des Leuchtflecks der Braun’schen Röhre durch Einführung einer negativ vorgespannten Steuerelektrode für den Elektronenstrahl, für die zu Ehren seines Lehrers die Bezeichnung  „Wehnelt-Elektrode“ vorgeschlagen wird  

1930

Mit Hilfe des noch heute gebräuchlichen Flying Spot Scanners (FSS) gelang im Lichterfelder Laboratorium am 14.12.1930 die weltweit erste vollelektronische Fernsehübertragung  

1931

Die zur Berliner Funkausstellung erstmals erfolgte öffentliche Filmübertragung mit dem FSS (180-Zeilen-Technik) gilt in der Fachwelt als die Geburtsstunde des elektronenstrahlbasierten vollelektronischen Fernsehens

1933

Präzisions-Elektronenstrahloszillographen für elektronische Messaufgaben

1934

Elektronenoptischer Bildwandler (Röntgen- und Infrarotbildwandler)

1937

Scanning-Elektronenmikroskop (SEM), das in den 60er Jahren technisch vervollkommnete SEM gilt bis heute als das wichtigste Analysegerät der biomedizinischen und mikrobiologischen Forschung

1938

Erstmalige Nutzung des Elektronenstrahls als Strahlwerkzeug zur Herstellung von Mikrostrukturen   

1939

Hochauflösendes Magnetisches Universal-Elektronenmikroskop für Hellfeld-, Dunkelfeld- und Stereobilder; Röntgenstrahlen-Schattenmikroskop (X-ray projection microscope) und Elektronenstrahl-Mikrooszillograph

1941

Entwicklung des 200-kV-Universal-Elektronenmikroskops, erstes Emissionselektronenmikroskop für Objekttemperaturen bis 2.500°C, Elektronenoptische Schattenbildmethode

1942

1 MeV-van-de-Graaff-Neutronengenerator, erste Feinstrahlelektronenbeugung im Elektronenmikroskop

1943

Konstruktion und Bau der 60-t-Magnet-Zyklotronanlage für kernphysikalische Forschungen

1944

Steigerung des Auflösungsvermögens des Universal-Elektronenmikroskops auf 12 AE (weltweit höchste Auflösung bis 1954)

1945-1955

Magnetischer Massentrenner zur industriellen Isotopenanreicherung;

Duoplasmatron-Ionenquelle für hohe Ionenstromdichten auf der Basis starker inhomogener Magnetfelder, das Duoplasmatron findet bis heute Anwendung bei Teilchenbeschleunigern und als Korrekturantrieb in der Weltraumtechnik;

Präzisionsoszillographen mit 2-μm-Schreibfleck;

Präzisions-Massenspektrograph mit Doppelfokussierung und Ionenbildwandler

1955

Gründung des Forschungsinstituts MANFRED VON ARDENNE in Dresden:
Physikalisch-technische Entwicklungsprojekte mit hohem Praxisbezug standen von Anfang an im Mittelpunkt. Für den Elektronenstrahl, dessen Bedeutung als energieintensives hochflexibles Strahlwerkzeug für eine Vielzahl industrieller Prozesse Manfred von Ardenne frühzeitig erkannte, entstanden immer wieder neue Applikationsfelder:

  • Vakuumschmelzreinigen von Reaktiv- und Refraktärmetallen
  • Schneiden und Schweißen
  • Thermisches und Nichtthermisches Mikrostrukturieren
  • Strukturiertes Oberflächenvergüten
  • Hochrateverdampfung von Metallen und Dielektrika
  • Strahlenpolymerisation von Kunststoffen
  • Strahlensterilisation von Getreidesaatgut oder medizinischen Einweg-Produkten

1957

Verschluckbarer Intestinalsender zur Messung von Druck- und pH-Werten im Magen-Darm-Trakt 

1958

Elektronenanlagerungs-Ionenquelle für organische Moleküle geringer Bindungsenergie

1959

45-KW-Elektronenstrahl-Mehrkammerofen (EMO) zum Vakuumschmelzreinigen von Reaktiv- und Refraktärmetallen

1961

Sicherheitsgurt zur Verlängerung des inneren Bremsweges in Kraftfahrzeugen

1962

Operationssaal mit elektronischer Patientenüberwachung für die Chirurgie der Medizinischen Akademie Dresden;

Formulierung des ersten Konzeptes zur Krebs-Mehrschritt-Therapie (KMT);

Entwicklung und Kleinserienfertigung von Herz-Lungen-Maschinen für die Herzzentren der DDR;

Entwicklung und Kleinserienfertigung von Ultraschall-Diagnostikgeräten 

1964

Anlagen zur industriellen Mikrobearbeitung von mikroelektronischen Schaltkreisen mittels Elektronenstrahlen

1965

Anlagen zum Aufdampfen dünner Schichten im Hochvakuum für die Industrie;

Zweikammerwanne für die extreme Ganzkörperhyperthermie 

1968

Entdeckung, Klärung und Realisierung der 1965 vorausgesagten Lysosomalen Kettenreaktion der Krebszellenschädigung;

Entdeckung der selektiven Sensibilisierung von Tumorzellen gegen Hyperthermie durch gezielte Übersäuerung

1970

Systemische Krebs-Mehrschritt-Therapie (sKMT);

Entdeckung der Blut-Nerven-Schranke und eines Primärvorgangs der Schmerzauslösung;

Mechanismus des Narkosetodes und des Todes im hyperglykämischen Koma

1972

Sauerstoff-Mehrschritt-Therapie (SMT) und Beginn der Arbeiten zur außergewöhnlichen Pharmakokinetik des Herzmittels g-Strophantin   

1976

SELECTROTHERM-Verfahren zur zweistufigen Dekawellen-Rasterhyperthermie zur homogenisierten Energiezufuhr bei Krebsbehandlungen

1987

IRATHERM®-Verfahren mit wassergefilterter Infrarot-A-Wärmestrahlung zur Ganzkörperhyperthermie bei Krebsbehandlungen

1990

Gründung der VON ARDENNE-Klinik für systemische Krebs-Mehrschritt-Therapie (sKMT) zur Evaluierung der sKMT und Behandlung von Krebspatienten im fortgeschrittenen Stadium

1994

IRATHERM® 1000 für nichtonkologische Behandlungen von Patienten im Rahmen einer milden und moderaten Ganzkörperhyperthermie